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Bäume im Weinberg – wir denken unser Viti-Forst-Konzept weiter

6. Okt.
5 Min. Lesezeit

Wer Landwirtschaft betreibt, arbeitet immer mit dem Wetter. Aber wir haben zunehmend das Gefühl, dass wir nicht mehr nur über einzelne heiße Tage sprechen. Lange Hitzeperioden mit Temperaturen deutlich über 30 °C, intensive Sonneneinstrahlung und Wochen mit kaum Niederschlag stellen unsere Weinberge vor neue Herausforderungen.

Gerade an unseren sonnenexponierten Hängen in den Marken beobachten wir, wie stark Reben und Trauben während solcher Perioden belastet werden können. Die Böden erwärmen sich, Wasser wird kostbarer und einzelne Trauben können regelrecht unter der intensiven Sonneneinstrahlung leiden.

Natürlich könnten wir versuchen, auf jedes einzelne Problem mit einer einzelnen Maßnahme zu reagieren. Aber das entspricht nicht wirklich unserer Vorstellung von Landwirtschaft. Wir fragen uns lieber:

Wie können wir den Weinberg als gesamtes Ökosystem verändern, damit er mit solchen Extremen besser umgehen kann?

Rund 80 Bäume waren erst der Anfang

Bäume spielen dabei für uns schon länger eine wichtige Rolle. In und um unsere Weinberge haben wir inzwischen rund 80 Bäume gepflanzt. Dazu kommen Hecken, Sträucher, Totholz, Blühflächen, Dauerbegrünung und viele weitere kleine Lebensräume.

Bisher standen die Bäume überwiegend dort, wo sie die Bewirtschaftung der Reben nicht störten. Jetzt möchten wir einen Schritt weitergehen. Wir wollen künftig Bäume direkt zwischen den Reben in die bestehenden Rebzeilen integrieren.

Die Idee dahinter nennt sich häufig Viti-Forst oder Vitiforst – vereinfacht gesagt Agroforstwirtschaft im Weinberg. Wir finden diesen Ansatz spannend. Aber wir betrachten ihn nicht als fertiges Rezept. Denn ein Baum im Weinberg hat nicht automatisch nur Vorteile.

Schatten ja – aber bitte nicht dunkel

Eine unserer wichtigsten Überlegungen betrifft die Sonne. Ein Baum kann während der heißesten Stunden wandernden Schatten auf Reben und Trauben werfen. Dadurch könnte er extreme Temperaturspitzen reduzieren. Gleichzeitig beschattet seine Krone zeitweise den Boden. Genau das möchten wir erreichen.

Aber wir wollen keinen dauerhaft beschatteten Weinberg. Reben brauchen Licht. Zu viel Schatten kann Photosynthese, Knospenfruchtbarkeit und Traubenreife beeinflussen und möglicherweise auch die Feuchtigkeit im Bestand erhöhen.

Deshalb denken wir eher an einen wandernden Halbschatten: morgens Sonne, dann vielleicht für einige Zeit Schatten einer Baumkrone und anschließend wieder Sonne. Nicht Wald statt Weinberg – sondern eine zusätzliche Ebene über den Reben.

Und was ist mit dem Wasser?

Das ist wahrscheinlich die schwierigste Frage. Man liest immer wieder, Bäume würden Wasser aus tieferen Bodenschichten erschließen oder sogar über ihre Wurzeln Wasser in höhere Bodenschichten transportieren. Solche Vorgänge gibt es tatsächlich.

Trotzdem wäre es viel zu einfach zu sagen: „Wir pflanzen Bäume und haben anschließend mehr Wasser für die Reben.“ Ein Baum braucht schließlich selbst Wasser.

Deshalb beschäftigen wir uns intensiv mit der Frage, welche Baumarten tief wurzeln, wie groß ihre Kronen werden und wie viele Bäume ein Weinberg überhaupt verträgt, bevor aus dem gewünschten Schutz eine zusätzliche Konkurrenz für die Reben wird.

Unser Ansatz lautet deshalb zunächst: weniger Bäume, dafür gezielt an den richtigen Stellen. Dann beobachten. Und erst danach weiterpflanzen.

Unsere Fehlstellen bekommen eine neue Aufgabe

Dabei hilft uns etwas, das bisher eigentlich ein Nachteil war. In unseren Rebzeilen gibt es immer wieder Stellen, an denen Reben nicht angewachsen oder im Laufe der Jahre ausgefallen sind. Statt dort zwangsläufig wieder eine Rebe zu setzen, können größere Lücken künftig Platz für einen Baum bieten.

Unsere Rebzeilen haben nur 2,20 Meter Abstand, die Reben selbst stehen etwa 80 Zentimeter auseinander. Deshalb kann dort natürlich nicht irgendein Baum unkontrolliert wachsen. Die größeren Bäume sollen mit einem hohen, möglichst astfreien Stamm erzogen werden. Erst oberhalb unserer etwa 2,20 bis 2,30 Meter hohen Reben beginnt ihre Krone. Der Traktor muss schließlich auch in Zukunft noch durchpassen.

Obst statt reiner Schattenspender

Besonders schön finden wir die Vorstellung, dass viele dieser Bäume zusätzlich Früchte liefern. Deshalb beschäftigen wir uns unter anderem mit Maulbeeren, Mandeln, Kirschen, Äpfeln, Jujuben, Granatäpfeln, Speierlingen und Walnüssen.

Dabei entdecken wir gerade, wie wichtig nicht nur die Obstsorte, sondern auch die Unterlage und damit das spätere Wurzelsystem eines Baumes ist. Ein Apfelbaum für einen bewässerten Intensivobstgarten ist eben etwas völlig anderes als ein Apfelbaum, der irgendwann ohne Bewässerung zwischen unseren Reben stehen soll. Auch alte und robuste Sorten werden dadurch für uns wieder interessant.

Manche Bäume suchen sich ihren Platz sogar selbst

Noch spannender finden wir allerdings die Bäume, die uns die Natur bereits schenkt. In und an unseren Weinbergen siedeln sich von selbst unter anderem Ulmen, Robinien – oft einfach Akazien genannt –, Walnüsse, Kirschen und Eschen an. Statt jeden dieser Sämlinge automatisch zu entfernen, schauen wir inzwischen genauer hin.

Ein kleiner Kirsch- oder Walnussbaum, der von selbst aufgegangen ist und mehrere trockene Sommer ohne Bewässerung überstanden hat, hat uns schließlich bereits etwas gezeigt: Dieser Standort scheint für ihn zu funktionieren.

Einige dieser Bäume möchten wir deshalb stehen lassen, andere junge Sämlinge möglicherweise vorsichtig in geeignete größere Fehlstellen umsetzen. Nicht jede spontan auftauchende Art ist automatisch geeignet. Gerade stark ausläuferbildende oder sehr konkurrenzstarke Arten müssen wir kritisch beobachten. Aber auch hier wollen wir zunächst verstehen, bevor wir entscheiden.

Unter dem Weinberg passiert mindestens genauso viel

Zu unserem erweiterten Viti-Forst-Gedanken gehört deshalb inzwischen auch die Begrünung. Bäume und Reben konkurrieren möglicherweise nicht nur um Wasser, sondern auch um Stickstoff.

Das ist für uns besonders interessant, weil Stickstoff nicht an der Rebe endet. Der für Hefen verfügbare Stickstoff im Traubenmost – der sogenannte YAN – kann später erheblichen Einfluss auf eine gesunde Gärung haben.

Deshalb möchten wir künftig noch stärker mit Leguminosen arbeiten. Kleearten, Wicke, Esparsette und andere Leguminosen können gemeinsam mit Bodenbakterien Luftstickstoff binden und damit neuen Stickstoff in das System bringen. Ergänzen möchten wir sie beispielsweise durch Ölrettich. Der liefert keinen zusätzlichen Stickstoff aus der Luft, kann aber mit seiner kräftigen Wurzel tiefere Bodenschichten erschließen und Nährstoffe aufnehmen.

Auch hier lautet unser Ziel nicht maximale Biomasse. Die Pflanzen sollen Herbst, Winter und Frühjahr nutzen. Bevor im Sommer Wasser zum begrenzenden Faktor wird, können sie gewalzt werden und als schützende Biomasse auf dem Boden verbleiben.

Vom Boden bis in den Most messen

Und diesmal möchten wir nicht nur beobachten, ob etwas „schöner aussieht“. Wir wollen über die kommenden Jahre auch messen.

Wie entwickeln sich Bodenfeuchte und Temperaturen neben einem Baum? Gibt es weniger Sonnenbrand? Reifen beschattete Trauben anders? Verändert sich die Säure? Und bekommen die Reben trotz zusätzlicher Bäume genügend Stickstoff?

Mit unserem eigenen Weinlabor können wir künftig sogar den hefeverfügbaren Stickstoff im Most bestimmen. So können wir beobachten, ob sich Veränderungen im Weinberg irgendwann tatsächlich bis in die Traube und später in die Gärung hinein bemerkbar machen.

Vielleicht funktioniert nicht alles

Das gehört für uns ausdrücklich dazu. Vielleicht werden wir in einigen Jahren feststellen, dass eine bestimmte Baumart zu viel Wasser benötigt. Vielleicht müssen manche Kronen kleiner gehalten werden. Vielleicht funktioniert eine Begrünungsmischung hervorragend und eine andere überhaupt nicht.

Genau deshalb möchten wir nicht einfach möglichst viele Bäume pflanzen. Wir möchten lernen, wie Rebe, Baum, Begrünung und Boden miteinander funktionieren können.

Unsere bisherigen rund 80 Bäume waren dafür ein Anfang. Jetzt wandern einige von ihnen gedanklich mitten zwischen die Reben. Vielleicht entsteht daraus mit den Jahren ein Weinberg, der etwas mehr Schatten hat, etwas mehr Leben beherbergt und mit heißen Sommern ein kleines bisschen besser zurechtkommt.

Nicht gegen die Natur – sondern indem wir versuchen, ihre Zusammenhänge wieder stärker für uns arbeiten zu lassen.

Vom Boden ins Glas.

 
 
 

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