Prinzip N.13: Zeit ist unser wichtigster Mitarbeiter
- 9. Aug.
- 3 Min. Lesezeit

Es gibt Tage im August, da fahren wir raus in die Reihen, gehen sie ab, kosten eine Beere – und fahren wieder heim. Sonst nichts. Kein Schnitt, keine Behandlung, kein Häkchen auf einer Liste. Nur schauen. Für Außenstehende sieht das nach Nichtstun aus. Für uns ist es Arbeit – nur eine andere Art davon.
In unserer früheren Arbeitswelt musste alles schnell gehen. E-Mails sofort beantworten. Entscheidungen treffen. Ergebnisse liefern. Der Weinberg hat uns etwas anderes beigebracht: Man kann nicht fahren, wenn der Boden zu nass ist. Man kann nicht schneiden, wenn das Wetter nicht passt. Man kann nur warten.
Am Anfang hat uns das nervös gemacht. Ehrlich gesagt, ist das Weinbergjahr auch heute noch ein emotionales Auf und Ab. Produktivität war für uns früher Bewegung – etwas tun, etwas abhaken. Heute wissen wir: Nichtstun kann Teil des Prozesses sein.
Kurz vor der Lese entscheidet sich viel
Das zeigt sich am deutlichsten kurz vor der Lese, so wie jetzt. Wir beobachten das Wetter genau – wann soll es regnen, wie lange können wir mit dem letzten Pflanzenschutz warten, bevor er verdunstet oder abgewaschen wird und seine Wirkung verliert. Wir nutzen dafür unter anderem ein Prognosemodell, das uns hilft, das Risiko von Pilzkrankheiten einzuschätzen. Aber am Ende bleibt immer dieselbe Frage: Sind die Trauben schon so weit, wie sie sein müssen – oder brauchen sie noch ein paar Tage mehr?
Geduld hört im Keller nicht auf
Diese Geduld hört im Keller nicht auf. Unsere Lese dauert lange, unsere Pressprogramme laufen langsam und sanft, ohne Hast. Die Weine bleiben mindestens ein Jahr auf der Vollhefe, danach oft noch weitere Monate auf der Feinhefe. Keine Schnellklärung, keine aggressive Filtration – natürliche Klärung braucht Zeit, Absetzen braucht Geduld.
Man sieht das besonders deutlich an einem Wein, dem man diese Geduld auf den ersten Blick gar nicht zutrauen würde: unserem Rosato N.1 2024. Ein Rosé gilt normalerweise als der schnelle Wein im Keller – gelesen, gepresst, vergoren, filtriert und oft schon drei bis vier Monate später abgefüllt. Bei uns nicht. Der Rosato N.1 2024 lag zwei Jahre auf der Hefe, durfte sich langsam von selbst klären und wurde unfiltriert abgefüllt – erst zwei Jahre nach seiner Lese. Keine andere Behandlung als bei unseren Rotweinen. Auch ein Rosé bekommt bei uns dieselben Qualitätsansprüche wie jeder andere Wein im Keller. Kein Wein von der Stange – ein Wein mit Charakter.
Zeit bedeutet auch Risiko
Und Zeit bedeutet nicht nur Ruhe. Sie bedeutet auch Risiko. Die Tanks müssen gefüllt bleiben, Sauerstoff muss vermieden werden, wir kontrollieren, riechen, probieren immer wieder. Manchmal entwickelt sich ein Ton, der nicht passt. Manchmal kippt ein Tank. Wir haben schon mehrere hundert Liter nicht abgefüllt, weil das Ergebnis nicht das war, was wir vertreten wollten. Das tut weh – jedes Mal.
Aber wir haben gelernt: Zeit ist kein Gegner. Zeit ist unser wichtigster Mitarbeiter.
Man schmeckt das im Glas, auch wenn es sich nicht in einer einzelnen Note festmachen lässt. Es ist eher eine Ruhe, die der Wein mitbringt – das Ergebnis von all den Tagen, an denen wir eben nicht eingegriffen haben, obwohl wir es gekonnt hätten.
Gerade jetzt, in den letzten Wochen vor der Lese, ist diese Haltung besonders gefragt. Die Versuchung, schon loszulegen, ist groß – aber wir gehen lieber noch einmal durch die Reihen, kosten noch eine Beere, und warten.
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